Karneval der Kulturen

Marmor, sehr viel Marmor. In der Eingangshalle glänzt schwarzer, schillernd geäderter Marmor vom Boden bis zur Decke. Entlang der Treppen und der Flure, im Frühstücksraum, im Speisesaal: Marmor. Elfenbeinfarbener, matter, kostbarer Marmor. Man gewöhnt sich innerhalb von ein paar Stunden daran, wie man an weiße Allerweltstapeten gewöhnt ist. Man löffelt am Abend eine klare Fleischbrühe mit herzhaften Maultaschen auf slowenische Art, streicht mit den Fingerspitzen über die Wand und denkt mit behaglicher Selbstverständlichkeit: Marmor.
Merkwürdig ist es natürlich schon. Eigentlich würde man hier rustikales Holz erwarten, wie es sich im alpinen Ambiente der Jäger und Wanderer gehört. Draußen liegen die Gipfel der Julischen Alpen im Abendlicht, vor dem Fenster glitzert das blitzsaubere grüne Wasser eines Bergsees, auf dem Inselchen in der Seemitte steht eine Barockkapelle. Hier drinnen aber sitzen die Hotelgäste zwischen Marmorwänden wie in einem indischen Stadtpalast. Merkwürdig und schräg ist an der Vila Bled aber so einiges. Die quadratischen Säulen beispielsweise, die im Innenhof aufragen – Säulen ist gar nicht das richtige Wort. Von ihren wuchtigen Ausmaßen her handelt es sich um Autobahnbrückenpfeiler, viermal so groß, wie es den Proportionen des restlichen Gebäudes angemessen wäre. Oder die kleine Bar mit ihren originalen roten Polstersesseln aus den Fünfzigern: Als wäre es das Normalste von der Welt, nimmt ein artiges englisches Ehepaar den Five o’Clock Tea unter einem Ölschinken ein, auf dem niemand anderer als der ehemalige jugoslawische Diktator Tito abgebildet ist.





